Kurzgeschichten

Willi - Kurzgeschichten in mehreren Teilen.


Willi feiert Geburtstag bei Ines(36)

Als Willi das erste mal nach Hause gehen wollte, war es noch nicht sehr spät gewesen. Kurz nach eins inetwa. Ines hatte Ihn mit ihren großen stechenden Augen nur etwas traurig angesehen, da war er doch noch geblieben. Der Abend wurde dann auch immer schöner. Ines schaute zunehmend verschwommener und immer weniger stechend. Sie hatte Geburtstag gefeiert, ihren 36. .

Willi hatte sie ein paar Jahre zuvor kennen gelernt, in der Bahn. Ein paar mal trafen sie sich danach, aber was Willi wollte wurde nicht. Sie verloren sich aus den Augen, ein Jahr später trafen sie sich zufällig wieder und hielten von da an relativ losen Kontakt.

Dass sie Willi zu ihrem Geburtstag einlud, kam für Willi auch überraschend. Selten ging er auf Geburtstage, weil er kaum jemanden gut genug kannte. Die Pflege von Freundschaften war nicht Willi's Ding. Er konnte an einem Tag die Offenheit in Person sein und an einem anderen Tag wirkte er kühl, verschlossen und desinteressiert, obwohl er das gar nicht wollte. An diesen Tagen drehte sich Willi um Willi und hatte damit genug zu tun.

Aber dieser Abend war sehr schön geworden. Willi hatte kräftig mit gefeiert und war ordentlich betrunken, als er gegen 6 Uhr morgens die Wohnung von Ines verlies. Sich von Ines zu verabschieden, war nicht möglich, denn sie lag halb unter einem, als Salatbuffee zweckentfremdenten, Tapeziertisch.
In ihren Haaren hatten sich Kartoffel- und Rucollasalat vermischt.
Sie hatte zufrieden gelächelt und eine der Salatschüsseln umarmt.
Alle anderen Gäste waren gegangen oder lagen ebenfalls igendwo in der Wohnung herum. Willi hatte sich innerlich auf die Schulter geklopft und dabei gedacht "War ne gute Party und ich bin der letzte, der wach ist", dann hatte er die Tür zugeschlagen.

Gegen 6.32 Uhr stand Willi vor dem Karlsruher Hauptbahnhof. Nur noch 3 Bahnstationen und 10 Minuten Fußweg trennten ihn von seinem Bett. Vor dem Schlafen wollte er seiner neuen Katze Minzi noch die Kühlschranktür öffnen, weil er wußte, dass die ihn sonst spätestens um 10 aus dem Schlaf kratzen würde.

Um 6.47 Uhr hatte Willi versucht auf dem Fahrplan-Aushang zu ermitteln, auf welchem Gleis sein Zug abfahren würde. Eine ältere Frau hatte er gefragt, ob ihre Zahlen und Buchstaben auch so tanzen würden, was diese mit einem abfälligen Blick verneinte. 

Um 7.13 Uhr war Willi sich sicher gewesen, dass sein Zug um 7.28 Uhr auf Gleis 5a abfahren würde.

Um 7.16 Uhr war Willi über einen Obdachlosen vor der Treppe zu Gleis 2 gestolpert. Dieser hatte ihm wütend irgendwas von besoffenen Schweinen erzählt.

Um 7.28 Uhr nahm Willi anerkennend wahr, dass die Deutsche Bahn offensichtlich in neue, sehr viel bequemere Sitze investiert hatte. Während er sich noch darüber wunderte, Investitionen in den Regionalverkehr und die Deutsche Bahn in einem Gedanken vereint zu haben, schlief er ein.

Als Willi das erste mal aufgewacht war, brannte seine Zunge und seine Kopf schmerzte, als hätte seine Zunge seinen Kopf gerade angezündet. Irgendetwas hatte Willi immer wieder unsanft angestupst.  "Minzi, blöde Katze, kriegst gleich was.", hatte Willi gerade noch so halb klar heraus bekommen, bevor er erneut eingschlafen war.

Als Willi das zweite mal aufwachte, hatte er aus dem Fenster des Zuges geschaut und geglaubt in der Ferne den Eifelturm erkannt zu haben. Dann war er wieder eingeschlafen.

Ende



Willi im Buchladen

Willi betrat den Buchladen. Es war kein gemütlicher Laden, kein bisschen verstaubt, keine alten Regale, kein Bücher-Geruch. Steril und glatt geputzt, für Jedermann.

Zielstrebig steuerte Willi auf eine Verkäuferin zu, die gerade mit ihrem Handy telefonierte. "Ich such' n Buch", rief er ihr bereits aus 3 Metern Entfernung zu, mitten in ihr Telefongespräch hinein.
Die junge Verkäuferin schaute ihn aus schmalen Augen an. Eine Mischung aus Ärger und Verwunderung zog ihre Gesichtsmuskeln in Form. Sie beendete das Telefongespräch und legte das Handy demonstrativ langsam auf einen kleinen Glastisch.

"Was soll es denn sein, für ein Buch?" fragte sie. Ihre Gesichtsmuskeln entspannten sich etwas, aber durch Willi's Erscheinung, dem Chaos das er ausstrahlte, blieben sie vorsichtshalber in "Bereitschaftsposition".
"Eins über Katzen." , gab Willi zurück. "Soll es ein Sachbuch sein, über die Pflege? Oder eine Geschichte über Katzen?"

"Seh ich aus, als würd' ich Geschichten über Katzen lesen? Natürlich 'n Sachbuch!"
Die Gesichtsmuskeln der Verkäuferin wussten, warum sie skeptisch geblieben waren.
"Hier wäre eines, über die Haltung von Katzen", etwas unsanft legte die Verkäuferin ein sehr dickes Buch vor Willi hin. Willi schaute sie etwas belustigt an.

"Ich will wissen, was die fressen. Und nich' "Katze" studieren!"
Die Gesichtsmuskeln der Verkäuferin erreichten jetzt für Sekunden ihre Leistungsgrenze, bevor sie blitzartig wieder in ein angestrengtes Lächeln wechselten.

Willi fing an in dem Buch zu blättern. "Kaum Bilder drin...", murrte er leise, mehr für sich selbst. "Die sehn garnich' aus wie die..., die Katzen hier.".
Er blätterte immer schneller. Es sah aus, als hätte er sich innerlich schon von dem Buch verabschiedet.
"Das is nix!"
Kaum hatte er den Satz beendet, bemerkte Willi, dass er in einer abfälligen Bewegung die halbe Seite 68 heraus gerissen hatte. Er schaute auf die Seite, die einen Katzenkopf und einen halben Katzenkörper zeigte. Es war eine der wenigen Seiten mit Bild gewesen.

"So, das Buch ist jetzt Ihres.", sagte die Verkäuferin und lächelte fast hoch erfreut.

Willi drehte das Buch auf die Rückseite, zögerte kurz, knallte dann doch 17 Euro 60 auf den Ladentisch, packte das Buch und die halbe Seite 68 und stapfte murrend zum Ausgang des Ladens.

Kurz vor dem Ausgang platzten ihm noch ein paar Worte heraus. "...blödes Vieh, ich jag's davon. Hab ich die darum gebeten, mir nach zu laufen? Die hat mich ausgenutzt, meine Gutmütigkeit, sich an mich geschmiegt. Ich schmeiß die raus... . Der geht es doch nur ums fressen, mehr nich' !!".

Die Ladentür flog hinter Willi zu. Später, in der Strassenbahn, blätterte Willi dann doch noch mal durch sein neues Buch. Langsam verflog die Aufregung wieder, die während der Ereignisse im Buchladen in Willi aufgekommen war. Oder besser gesagt, sie legte sich auf das für Willi normale Niveau, denn chaotisch und aufgeregt war Willi sehr oft.

"Naja garnich' so schlecht vielleicht", dachte er, nachdem er ein paar Seiten gelesen hatte. Willi gewann langsam wieder Zuversicht in Sachen Katzenhaltung und klappte sein neues Buch, mit der festen Absicht es doch noch mal mit Minzi zu versuchen, zu.

-Ende-



Willi raucht

"Gehst Du auch zur Haltstelle?", fragte Willi. "Ja, Du auch?", fragte Nina zurück. "Ja".

Willi hatte Nina gerade eben kennengelernt, eine knappe Stunde war es her.

Willi war, wie Nina, im Schwimmbad. Als er vom Kinderbecken, mit dem schönen warmen Wasser, zum großen Becken wollte, war er über Nina's Kind gestolpert. Zuerst hatte er fluchen wollen, weil er fast ausgerutscht wäre, dann sah er Nina.

Nina hatte dunkle schulterlange Haare. Braune Haare. Willi war sofort ein kleines Tatoo an ihrem linken Oberarm aufgefallen.
"R+N forever" stand da, umrahmt von einem Herz.

"Jugendlicher Leichtsinn", hatte Nina gesagt, nachdem sie Willi's Blick bemerkt hatte.
"Naja, am Oberarm gehts ja noch.", hatte Willi ihr geantwortet. Ninas Lächeln daraufhin, war Willi sehr vertraut vorgekommen. Vertraut
und echt. Sie waren dann etwas ins Gespräch gekommen.

Bevor sie die Schwimmhalle verließen, spendierte Willi ihrer kleinen Tochter Linda noch ein Eis im Schwimmhallen-Bistro. Sozusagen als Wiedergutmachung, obwohl Linda bei dem kleinen Zwischenfall nichts passiert war. Ein bisschen dachte er dabei natürlich auch an die Freude der Mutter, nicht nur an die des Kindes.


Zehn Minuten später liefen die Drei nun den Weg von der Schwimmhalle zur Straßenbahnhaltestelle zusammen. Willi zündete sich eine Zigarette für den Weg an.

"Du rauchst?", fragte Nina etwas verwundert bis skeptisch. "Ja", sagte Willi.

"Finde ich nicht gut, aber geht mich auch nichts an.", sagte Nina.

"Wieso findest Du Rauchen nicht gut? Wegen dem Gestank?", wollte Willi wissen.

"Ja auch. Und weil es Dich krank macht natürlich,", entgegnete Nina, "aber auch gesellschaftlich."

"Wieso gesellschaftlich", fragte Willi etwas spitz. "

"Naja, wir Anderen zahlen das doch mit, wenn Du krank wirst."

"Ja, ich zahle auch mit, wenn Andere krank werden. Ich zahle ja auch selbst in die Kasse ein!"

"Trotzdem, das Rauchen verursacht unheimliche Kosten für die Gesellschaft. Im Sinne Aller ist das ganz sicher nicht.", sagte Nina. "Aber ich finde das mit den Bildern, auf den Packungen jetzt, sehr gut!".

"Ich finde das bervormundend.", sagte Willi und fühlte, wie langsam etwas Aufregung in ihm hoch kam.
"Weißt Du Nina", sagte Willi, ", ich darf 45 Jahre für die Gesellschaft schwer auf dem Bau arbeiten und danach von 1000 Euro Rente leben, aber zusätzliche Kosten soll ich der Gesellschaft nach Möglichkeit bitte nicht verursachen. Und das Ganze, während Andere in dieser tollen Gesellschaft in einem Jahr verdienen, was ich im ganzen Leben verdiene. Und sich dann noch, in der Privatversicherung, an der Gesellschaft vorbei versichern."

Willi holte kurz Luft.

"Und dann klebt man mir noch bunte hässliche Bilder auf Waren, die ich kaufe und bezahlen muss, plus Tabaksteuer! Weil ich so doof bin und doch glatt denke, Rauchen wäre was ganz tolles. Demnächst steht noch ein Beamter der Gesundheitspolizei an der Supermarktkasse und belehrt uns."

Die Aufregung stieg mit jedem weiteren Wort. Willi war dabei, einen seiner berüchtigten Monologe zu halten. Laut, mit den Händen wedelnd, chaotisch und kaum zu bremsen. Bei fast fremden Menschen passierte ihm das selten, aber manchmal passierte es eben.

"Ich bin Kostenfaktor und zugleich Konsument und Mitträger dieser feinen Gesellschaft. Aber scheinbar ist mein Konsum zu gering, um mir das Recht auf ein ungesundes Leben zu verdienen. Aber das ist er nicht, unser Konsum ist nicht zu gering, es wird nur immer mehr davon, an der Gesellschaft vorbei, in wenige große Taschen gefüllt."

"Willi, ist gut, das wird mir jetzt echt ein bisschen zu viel gerade.", sagte Nina ernst. "Ich wollte nicht über Kapitalismus mit Dir disskutieren, sondern einfach nur über die Auswirkungen des Rauchens auf alle Menschen. Ausserdem bekommt meine Tochter Angst vor Dir."

Willi bremste sich etwas, aber ganz zum stehen kam er nicht. Nach einer kurzen Pause dampfte er, wenn auch mit etwas weniger Dampf, wieder los.

"Und überhaupt, was sollen solche Bilder? Wenns danach geht, müßten auch auf Skibrettern Bilder kleben, mit Sprüchen drunter wie 'Skifahren kann tödlich sein' oder 'Achten Sie auf ihre Mitfahrer, ein Zusammenstoß gefährdet sie beide' ", sagte Willi, holte kurz Luft und fuhr aufgeregt fort. "Oder auf Fallschirmen müssten dann Bilder, von in Bäumen hängenden Fallschirmspringern kleben, mit Sprüchen drunter wie 'Bei einem Defekt, erhöht die Landung in einer Baumkrone ihre Überlebenschancen erheblich.' ".

Als Willi gerade ein neues Beispiel über Tiefseetaucher einfiel, stieß Nina ihn etwas erschrocken an. "Ok, ich habs verstanden
Willi, ausserdem kommt die Bahn. Du bist ja eine ganze schöne Rakete.", sagte Nina, aber sie lächelte dabei. "Wo musst Du dann nachher aussteigen, Willi?" Er antwortete ihr nicht. Er fühlte plötzlich ein starkes Bedürfniss nach Abstand in sich, ein Gefühl der Kälte, des Weglaufens, des "Haut ausziehen wollens" und alles miteinander vermischt.

Als die Bahn ihre Türen öffnete, stiegen Nina und ihre kleine Tochter ein.

"Ich hol mir noch Tabak an der Tanke", rief ihr Willi hinterher, obwohl er zuvor eigentlich mitfahren wollte.

Immernoch total aufgedreht, war Willi dann schon auch traurig zu Mute, als er der Bahn nach blickte. Fast sechs Jahre war er jetzt schon allein und er dachte, dass er vielleicht doch hätte einsteigen sollen. Er dachte, dass er es nach der Unterbrechung vielleicht geschafft hätte sich zu bremsen. Jedenfalls beschloss er, bald wieder schwimmen zu gehen und eine nette Entschuldigung wollte er sich überlegen, denn Nina hatte ihm sehr gefallen.

Später am Abend, vor dem Fernseher, dachte Willi über die Begegnung mit Nina nach. Ihm fiel auf, wie wenig er Nina's Tochter beachtet hatte, die wohl wichtigste Person in Nina's Leben. Wie wenig Rücksicht er überhaupt genommen hatte. Er mochte diese Blindheit gar nicht, dieses chaotische Treiben in ihm, das ihn immer wieder überkam, wie aus dem Nichts. "Die Krankheit der Extreme" hatte er vor kurzem in einem Ratgeber gelesen. Ja, ist was dran, dachte Willi.

Ende.


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